Bericht der Mittelbayerischen Zeitung vom 07. Juli 2015:

Gedankenlose Gaffer empören Retter

Ein Motorradfahrer kracht auf der A 3 bei Rosenhof in zwei Autos. Notärzte kämpfen vergebens um das Leben des 56-Jährigen. 

von Heinz Klein, MZ

 

 

BARBING.Autobahn A3, Dienstag, 9 Uhr: Unmittelbar an der Anschlussstelle Rosenhof muss eine 29-jährige Tiguan-Fahrerin auf der linken Spur stark abbremsen. Ein Motorradfahrer schafft dieses Bremsmanöver nicht mehr und kracht ins rechte Heck des Tiguan. Der Motorradfahrer wird nach rechts geschleudert und prallt mit großer Wucht ins Heck eines nebenan fahrenden VW-Lupo.

Wenige Sekunden nach dem Crash: Der VW-Tiguan steht demoliert auf der Überholspur, der Lupo mit eingedrücktem Heck auf der Standspur. Trümmer liegen verteilt auf der Fahrbahn – und ein großer schwarzer Umriss. Es ist der Motorradfahrer. Drei Ersthelfer hasten herbei, knien um die leblose Gestalt, kontrollieren vorsichtig den Puls am Hals, verändern die Lage des Bewusstlosen mit dem eingedrückten Helm vorerst nicht, schneiden nur vorsichtig Futteral aus dem Helm, um den Mann das Atmen zu erleichtern. Einer der Ersthelfer winkt dem nachstehenden Verkehr, bittet, eine Rettungsgasse freizumachen. Statt ein, zwei Meter nach links auszuweichen und dann stehen zu bleiben, nutzen Autofahrer die Chance und rollen los, schmuggeln sich ganz links an der Mittelleitplanke vorbei. Nichts wie weg, bald wird die Polizei da sein und ein Rettungshubschrauber landen, dann geht stundenlang nichts mehr.

Inzwischen spüren die Ersthelfer keinen Puls mehr. Die Tiguan-Fahrerin ist Ärztin. Vorsichtig drehen die Helfer den Motorradfahrer auf den Rücken und beginnen, den Leblosen zu reanimieren. Sie knien in der Mitte der Fahrbahn und kämpfen um das Leben des Mannes. Eineinhalb Meter neben dem Schwerstverletzten und den drei Helfern, die sein stockendes Herz massieren, rollt der Verkehr vorbei. Pkw um Pkw, dazwischen Lastzüge, die Fahrer recken die Hälse, die Beifahrer zücken Fotohandys.

Nun trifft ein erster Notarzt ein, dann ein Polizei-BMW, der sich querstellt und die Kolonne stoppt. Der Rettungshubschrauber des Uniklinikums landet, Feuerwehrleute sperren die Unfallstelle, die Rettungsmaschinerie läuft. Mehrere Notärzte übernehmen das Reanimieren, intubieren, legen Infusionen, schneiden den leblosen Mann aus der schwarzen Motorradkombi. Ein vielköpfiges Team kämpft um das Leben des 56-Jährigen.

Inzwischen hat sich auch auf der Gegenfahrbahn ein Stau gebildet. Langsam rollt dort der Verkehr vorbei. Feuerwehrmänner entrollen Plastikplanen und halten sie als Sichtblende hoch. Dennoch werden Handys gezückt, Lkw-Fahrer haben von ihrer hohen Warte einen guten Blick. Empört über die gnadenlose Neugier brüllt ein Feuerwehrmann den Gaffern nicht Zitierbares hinterher und zeigt den bösen Finger. „Die Fotos, die die gemacht haben, kannst du in zehn Minuten bei Facebook sehen“, sagt der Hubschrauberpilot. 

Die Notärzte erheben sich aus der Hocke, schütteln taub gewordene Beine. Der Kampf ist vorbei, der Motorradfahrer aus dem Neckar-Odenwald-Kreis ist tot.

 

So etwas zu lesen macht uns nachdenklich und traurig. Dass verstärkt Opfer fotografiert und gefilmt werden, ist neben dem "Gaffen" eine bedenkliche Entwicklung. Jeder sollte sich bewusst werden, dass man selbst, ob als Unfallverursacher oder Unschuldiger, in so eine lebensbedrohliche Situation kommen kann. Bitte bilden Sie immer eine Rettungsgasse und haben Sie Respekt vor den Opfern solcher Unfälle. Es sollte selbstverständlich sein, erste Hilfe zu leisten und alles zu tun, um den Rettungskräften den Weg frei zu machen. Ganz nebenbei ist das auch Pflicht! Herzlich Dank für Ihre Mithilfe.